Arne Dahls Roman “Gier” wird sicher wieder ein Publikumserfolg. Schade! Wirklich Schade!!!
In meinen Augen ist das “Gruseln mit der Buntstiftpolizei”.
Kein Krimiautor muss vorm Schreiben die Kommissarsprüfung bestehen. Er muss nicht unbedingt den Alltag der Beamten kennen, die Dienstvorschriften, die Abläufe, den Ton in den Büros. Er darf phantasieren, Schreck- und Wunschszenarien malen. Wichtig ist zunächst einmal nur, dass sein Polizeibild ein interessantes ist. Wenig empfehlenswert ist es allerdings, die Ermittler wie Playmobilfiguren vorzustellen, also mit dem Unterton: „Stets gut greifbar auch für tollpatschige Händchen.“
Der schwedische Autor Arne Dahl führt in seinem Roman “Gier” derart eine Polizeitruppe ein, die seine Leser noch nicht kennen. Die Behörde Europol ist Dahls Wunschbild einer übernationalen Ermittlergruppe. Europol ist, wie ein Schlüsselbegriff vieler Jungensabenteuer lautet, im Geheimen aktiv.
Hineingeführt in den Starttrubel von Europol werden die Leser an der Seite von Jutta Beyer aus Berlin, deren Enthusiasmus für ihren neuen Job keine Grenzen kennt. Dahl erklärt uns diese Aufregung: „Sie liebte historische Ereignisse, seit man sie als Zwölfjährige auf die Berliner Mauer gehoben hatte, während die Menschen aus dem Osten und Westen zu beiden Seiten das Gestein mit Hämmern und Hacken traktierten.“
Mit diesem Schneekugelmoment aus dem Andenkenladen des jüngeren Geschichtstourismus kommt Jutta Beyer noch recht gut weg. Ihre Kollegen werden knapper mit ersten Schildchen der Individualitätszuweisung beklebt. Der Chef ist “extrem professionell und sympathisch.” Ihm unterstehen Marek Kowalewski, “der polnische Kollege mit dem etwas zu breiten Lächeln”, die “außergewöhnlich brüske” Rumänin Lavinia Potorac, der “elegante Madrilene” Felipe Navarro, der “etwas weltfremde Athener” Angelos Sifakis, die “in allen Lagen streitbare Französin” Corine Bouhaddi und einige andere. So ähnlich könnte Dahl den Inhalt einer Packung Buntstifte beschreiben, mit schlichter Gewissheit des vor Augen liegenden: Rot, Grün, Blau.
Vielen Kritikern und Lesern gilt Arne Dahl als eines der Schwergewichte der europäischen Kriminalliteratur. Dieses Phänomen zu erklären, fiel schon bisher nicht leicht.
Überhaupt halte ich die seit gut einem Jahr ins Unermessliche gehypten skandinavischen Autoren für maßlos überschätzt. Nesbo, Dahl, Mankell…deren Krimi-Massenware kann nur noch langweilen. Ich rate dringend ab.
Wie Henning Mankell ist auch Dahl ein Bedeutsamkeitssimulant, der die politische Ebene seiner Krimis so infotainment-seimig serviert, als hätten die Leser zwar ein Recht auf Aufklärung, aber nicht die geistige Spannkraft, die gleichen Reportagen und Sachbücher wie Krimiautoren zu lesen.
Nie aber hat Dahl so obenhin und stumpf geschrieben wie in “Gier”. Sein Europol-Roman, der erste eines geplanten Quartetts, enthält viel einschlägigen Grusel, scheußlich entstellte Leichen und ausgefeilt brutale Mordmethoden, die Mafiakrake, Kinderschänder und Sklavenhändler, Menschenrechtsverletzungen in China und die internationale Finanzkrise. Würde man den Plot, der an die schwankende Umzugsfahrt eines manischen Alles-Sammlers mit einem turmhoch beladenen Handkarren erinnert, detaillierter nacherzählen, würde das nur genau so verwirren – so wie die gesamte zusammenhanglose Handlung.
Dahls Dialoge klingen blechern, bestenfalls wie auf Forschheit getrimmte Banddurchsagen. Seine Beschreibungen von Menschen, Orten, Situationen mischen das gräulich phantasielose mit dem pathetisch Überhitzten. Am Anfang etwa kämpft sich ein Mann durch die Demonstrantenmenge am Rand eines Wirtschaftskrisengipfels. Dabei stößt er mit einer Frau zusammen. Wir erleben das Wunder der Intuition: „Hätte er es nicht eilig, würde er kurz innehalten. Irgendetwas an dem Blick der Frau kommt ihm bekannt vor. Er hat etwas Absolutes. Etwas Endgültiges. Es ist, als schaue er genau in dem Moment in die Augen eines Menschen, als der sein Leben aushaucht. Maximale Lebensenergie, gefolgt von der Energie des Todes, vereint in ein und demselben Blick.“
Solch eine Empfindsamkeitsoperette für rostige Türangeln und entzündete Stimmbänder lächerlich zu nennen, würde ihr fälschlich einen Grad an unfreiwilliger Unterhaltsamkeit zusprechen. Der Start von Dahls Europol-Reihe ist langweiliger und geschraubter als, beispielsweise, die hingeschlenkerte Reihe des Deutschen Michael Molsner um die “Euro-Ermittler”, auch das eine Wunschpolizei-Serie. Die erschien bereits in den Achtzigern, also lange bevor in Deutschland – auch durch das Lob für Skandinavier wie Dahl – der groteske Eindruck entstand, der Krimi habe Abitur gemacht und sei nun klüger als je zuvor.
Arne Dahl: Gier. A. d. Schwedischen v. Antje Rieck-Blankenburg. Piper, München. 506 S., 16,99 Euro.
Gibts – leider – auch als eBook für unverschämte 12,99 Euro:
Ums klar zu sagen: NICHT KAUFEN. NICHT LESEN. ZEIT SINNVOLL NUTZEN!!!
Stay tuned!


